Es war einmal ein Hund, der keiner war. Er sah aus wie ein Hund, ja – Muskeln wie geschnitzt, Augen wie zwei glühende Funken, ein Körper voller gespannter Energie. Aber eigentlich bestand er aus Licht. Aus purem, vibrierendem Vorwärtsdrang.
Man nannte ihn Lumen.
Lumen lebte an einem Ort, der weder Wald noch Stadt war. Es war ein Zwischenraum – ein Feld aus Möglichkeiten, das sich ständig veränderte. Wege öffneten sich wie Atemzüge, verschwanden wieder, tauchten an anderer Stelle neu auf. Lumen liebte dieses Feld. Er wollte rennen, springen, alles erkunden.
Doch an seinem Hals war eine Kette befestigt. Sie war nicht aus Metall, sondern aus alten Worten, alten Regeln, alten Sicherheiten. Sie sagte:
„Nein, nicht dort entlang.“ „Nein, das ist zu gefährlich.“ „Nein, das ist nicht der richtige Moment.“
Und jedes Mal, wenn Lumen losstürmte – voller Freude, voller Neugier – riss es ihn zurück. Nicht hart genug, um ihn zu verletzen, aber hart genug, um ihn zu verwirren.
Eines Tages, als er wieder einmal in alle Richtungen gleichzeitig springen wollte, setzte er sich hin. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Sein Licht flackerte unruhig.
„Warum hältst du mich fest?“, fragte er die Kette.
Die Kette antwortete nicht. Sie war nicht böse. Sie war einfach… alt. Ein Relikt aus einer Zeit, in der Lumen noch nicht wusste, wie stark er war.
Da bemerkte Lumen etwas: Die Kette war nicht im Boden verankert. Sie war nur um seinen Hals gelegt – locker, wie ein vergessenes Band.
Er stand auf. Er schüttelte sich. Und die Kette fiel zu Boden, als wäre sie aus Staub.
Lumen blinzelte. Er hatte all die Jahre geglaubt, sie halte ihn fest. Dabei hatte sie nur gewartet, dass er merkt, dass er sie nicht mehr braucht.
Er hob den Kopf, und das Feld der Möglichkeiten begann zu leuchten. Nicht mehr chaotisch, sondern wie ein Sternenhimmel, in dem jede Richtung ein eigenes Funkeln hatte.
Lumen rannte los. Nicht in alle Richtungen gleichzeitig – das brauchte er nicht mehr. Er folgte dem Weg, der am hellsten leuchtete. Nicht weil jemand sagte, dass er richtig sei, sondern weil er sich nach ihm anfühlte.
Und während er lief, merkte er: Sein Licht wurde nicht weniger. Es wurde klarer.

Dieses Gefühl, in alle Richtungen gleichzeitig losrennen zu wollen und doch immer wieder von einer unsichtbaren Kette zurückgerissen zu werden, ist kein Zeichen von Chaos – es ist ein Ausdruck von Kraftüberschuss ohne Kanal.
Was sich wie Reibung anfühlt, ist in Wahrheit eine hohe kreative Spannung, die noch keinen klaren Fokuspunkt gefunden hat. Es ist der Moment vor dem Richtungswechsel, in dem alte Grenzen noch aktiv sind, obwohl sie längst überflüssig geworden sind.
Die Kette ist kein Feind, sondern ein altes Sicherheitsprotokoll, das dich früher geschützt hat und jetzt nur noch testet, wie viel Freiheit du inzwischen halten kannst. Vielleicht springst du nicht, weil du planlos bist – sondern weil du spürst, dass mehrere Wege möglich sind, und dein Körper intuitiv prüft, welcher sich wirklich nach dir anfühlt.
